Im Geist, mit Herz und Hand

Warum sich eine Besinnung auf den christlichen Humanismus empfiehlt / ein Artikel von Ulrike Gentner, Johann Spermann und Tobias Zimmermann

Um die Bildung der Zukunft zu entwerfen, empfiehlt sich der Blick zurück. Im Humboldtschen Sinne entzieht sie sich einer unmittelbaren Verwertungslogik. Bildung meint in aufklärerischer Tradition vielmehr Charakterentwicklung und Anverwandlung der Welt. Es wird Zeit, diese Art von Persönlichkeitsentwicklung auch in Deutschland stärker in den Fokus zu rücken – denken wir Bildung wieder größer denn als Erwerb von Anwendungswissen zum Zwecke der Arbeitsmarktfähigkeit.

Im Streben nach praktischer Klugheit kultivieren Schüler ihre Urteilsfähigkeit, um Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Dafür braucht es Werte. Sie fungieren als Prämissen unserer Weltbetrachtung, orientieren unser Denken und Handeln und geben uns Halt. Sie ermöglichen das Einüben einer Haltung. Damit ist der archimedische Punkt der Persönlichkeitsbildung identifiziert.

Haltung steht im Zentrum jesuitischer Bildungseinrichtungen. Der Jesuitenorden wurde 1534 von Ignatius von Loyola gegründet, woraus sich der Name „Ignatianische Pädagogik“ ableitet. Ausdruck findet diese in der kompakten Formel: „Im Geist, mit Herz und Hand.“ Der schillernde Geistesbegriff umfasst sowohl spirituelle Wachheit als auch intellektuelles Vermögen. Herz betont das Mitgefühl, Hand wiederum die Tatkraft eines der Welt zugewandten Gläubigen. Ignatianische Erziehung steht damit im Zeichen eines „Humanismus Plus“ – eines Humanismus, der die Frage nach Gott wachhält.

Eine Haltung einzuüben ist prioritäre Aufgabe von Institutionen, die den Anspruch erheben, als Träger und Vermittler von Werten zu gelten. Dazu gehören Schulen und Kirchen. An ignatianischen Schulen werden junge Menschen daher in besonderem Maße dafür sensibilisiert, wie Werte unser Wahrnehmen, Wissen, Wollen, Wünschen und Handeln ethisch ausrichten können. Besonders die Digitalisierung erfordert eine wertegeleitete gesellschaftliche Orientierung. Angesichts einer beschleunigten und pluralisierten Welt wird klar, dass die Anforderung der Digitalisierung nicht verkürzend als kompetente Bedienung technischer Applikationen aufzufassen ist. Vielmehr muss sie als Katalysator der Veränderung erkannt werden. Unübersehbar wirft die Digitalisierung Fragen der Technikfolgenabschätzung, also der Verantwortbarkeit von Fortschritt, auf.

Im Schulalltag lassen sich solche abstrakten Zusammenhänge anhand konkreter Projekte behandeln, etwa der Konstruktion eines Roboters. Das Unterrichtsziel beschränkt sich dann nicht auf den Erwerb technischer Kenntnisse. Technik wird als Anstoß genommen, die sozialen Auswirkungen von Robotern und den Wert menschlicher Interaktion zu reflektieren, beispielsweise in der Altenpflege.

Der Reflexionsbedarf der Digitalisierung betrifft insbesondere die Künstliche Intelligenz. Sie stellt ein Novum dar, das nicht nur quantitativ, sondern qualitativ über bisherige Technologien hinausgeht. Denn Künstliche Intelligenz ist lernfähig und entwickelt sich von selbst weiter. Das verleiht ihr einen ungeahnten Grad von Autonomie. Die Auswirkungen dieser Entwicklung lassen sich säkular fassen, ein zusätzlicher christlicher Blickwinkel aber erweitert das Bild und gibt unserem Streben eine Richtung. Dass ein ethischer Kompass notwendig ist, verdeutlicht die Auseinandersetzung mit drei beispielhaft gewählten Facetten des durch Künstliche Intelligenz getriebenen Wandels: erstens das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, zweitens die Anforderungen an das Lernen und drittens die Organisation politischer Teilhabe.

Hinsichtlich der Abgrenzung des Menschen gegenüber Maschinen erlaubt uns die Prämisse der Gottesebenbildlichkeit zu erörtern, was uns einzigartig und heilig macht. Die Doppelrolle von Würde – als religiöser und verfassungspolitischer Ankerbegriff – zeigt, dass christliche Sprache wichtige Erkenntnisperspektiven in der Befassung mit Digitalisierungsphänomenen eröffnet. Beispielsweise kann sie uns Demut im Umgang mit Technologie lehren, vor szientistischen Ermächtigungsphantasien bewahren, aber auch das Selbstvertrauen geben, die großen Humanisierungspotentiale digitaler Entwicklungen zu nutzen – von der Armutsbekämpfung über die Heilung von Krankheiten bis zur Übernahme monotoner Tätigkeiten.

Christlicher Humanismus unterstützt zudem Lernprozesse, die auf die umfassende Bildung und Kultivierung der eigenen Persönlichkeit abzielen und so die Erfahrung von Würde ermöglichen. Dieses ganzheitliche Verständnis von Bildung ist hinsichtlich selbstlernender Maschinen umso wichtiger. Denn die Halbwertszeit reinen Anwendungswissens wird angesichts der beschleunigten Produktion neuer Erkenntnisse und disruptiver Innovationssprünge immer geringer. Ein funktionalistischer Ansatz, der nur auf die unmittelbare Verwertbarkeit des Gelernten abstellt, ist daher zum Scheitern verurteilt. Wir brauchen mehr Bildung statt Ausbildung. Bildung allein ermöglicht jungen Menschen, ihr Leben schöpferisch zu führen und nicht bloß geschehen zu lassen. Richtig verstanden ist Bildung die Befähigung zur Lebenskunst.

Schließlich kann die christliche Sicht auf politische Partizipation unter dem Vorzeichen smarter Algorithmen neue Perspektiven schaffen. Unter dem enormen Einfluss von Technologie-Plattformen wie Amazon, Facebook und Google muss der Primat des Politischen gewahrt bleiben. Tendenziell befördern die Digitalkonzerne eine demokratiegefährdende gesellschaftliche Fragmentarisierung, weil auf ihren Plattformen persönliche Präferenzen fortgeschrieben werden. Die Einstellungen und Weltbilder der Nutzer werden in Echoschleifen bestätigt.

Wie bewahren wir uns also den für plurale Gesellschaften konstitutiven fairen Umgang mit Andersdenkenden? Wie finden wir zu einer gemeinsamen Sprache zwischen verschiedenen Identitätsgruppen, die sich in gemeinsames Handeln im öffentlichen Raum übersetzt? Wenn sich der Kampf um Deutungshoheit verschiedener Anspruchsgruppen verschärft, bedarf es einer Verständigung, die integrative politische Wirkung entfaltet. Inspiration dafür liefert das christliche Vorbild mit seinem Ethos der Versöhnung. Es stellt Universelles in den Vordergrund und strebt Interessenausgleich an.

Der Einfluss der Künstlichen Intelligenz auf das menschliche Selbstverständnis, auf Lernanforderungen und auf politische Teilhabe macht exemplarisch deutlich: Die Persönlichkeitsbildung junger Menschen in der Schule braucht den Bezug zum Digitalen. Irreführend wäre es jedoch, von „digitaler Persönlichkeitsbildung“ zu sprechen. Denn verlangt werden ja gerade die analogen Fähigkeiten, digitale Technologien verstehen, anwenden sowie in ihren anthropologischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen beurteilen zu können.

Dabei hilft eine Haltung. Sie kann anhand konkreter Unterrichtspraktiken eingeübt werden. An ignatianischen Schulen reichen diese von der demokratischen Diskussion im Klassenrat über persönliche Lerncoachings bis hin zur Seelsorge. Um den Dingen auf den Grund gehen zu können, ist aus christlicher Perspektive entscheidend, das Vertrauen der Schüler in sich selbst, in die Welt und in Gott zu fördern. Dabei ist es wichtig, auch die Lehrer selbst „religiös musikalisch“ zu machen. Um die Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen, sollte neben dem Umgang mit digitalen Lernmitteln die klassische Beschäftigung mit kanonisierten Bildungsinhalten stehen. Vom mathematischen Beweis bis zur Gedichtinterpretation sind diese so aktuell wie je – weil sie Fundamentales, Zeitloses vermitteln.

Die christliche Überlieferung verfügt über ein stabiles Wertegerüst und umfangreiches Vokabular zur Erörterung der Conditio humana in all ihren Spannungen. Die ignatianische Reflexion geht über jedweden Positivismus hinaus und betrachtet den Menschen als ein hoffendes Wesen, dessen Leben einen Transzendenzbezug aufweist, das heißt über ihn und die Welt hinausweist. Das tradierte Reservoir christlicher Werte und Sprache ist deswegen ein enormes „Plus“, weil es dazu dient, die unter dem Schlagwort der Digitalisierung verhandelten Entwicklungen einzuordnen. Erst dadurch werden sie politisch handhabbar.

Gerade der Schatz einer bildreichen Semantik kann eine große Hilfe sein, um normativ über Technologie und ihre gesellschaftliche Einbettung nachzudenken. Zwar sind eindeutige politische Ratschläge „aus christlicher Perspektive“ nicht verfügbar – dafür ist diese zu ambivalent. Aber gerade die Jesuiten betonen die Spannungsgeladenheit menschlicher Existenz. Darin liegt die Chance, sich vor permanenten öffentlichen Einmischungen, verzerrenden Einseitigkeiten und überdeterminierten Antworten zu hüten.

Die Konzentration sollte dem Wachhalten zentraler christlicher Botschaften gelten. Etwa dieser: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2. Korinther 3, 17). Christlicher Humanismus begreift den Menschen als ein freies Wesen und bemüht sich um dessen Entfaltung in Verantwortung vor anderen und vor Gott. Der Gottesbezug ist eine Demutsgeste, die die Begrenztheit des Ichs anerkennt.

Ein demütiges Freiheitsverständnis –selbstbewusst, aber ohne Hybris – manifestiert sich auch in christlicher Symbol- und Formsprache, beispielsweise im Ritual des Niederkniens. Die Anerkennung unserer bleibenden Unvollkommenheit trotz steten Bemühens um Tugendhaftigkeit schützt uns vor der Überforderung eines moralischen Perfektionismus. Damit öffnet sie den Weg für Gelassenheit. Das christliche Menschenbild ist also zugleich anspruchsvoll und realistisch: Es fordert unser Streben, weiß aber um unser Angewiesensein auf Nachsicht, Großzügigkeit und Vergebung.

Humanistische Bildung als Anleitung zur freien Ausformung von Identität erweist sich damit als bemerkenswert aktuell. Bei Wilhelm von Humboldt ist der „wahre Zweck des Menschen (. . .) die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“, wie er 1792 schreibt. Für die Jesuiten wird dieser humanistische Ansatz besonders wertvoll durch eine christliche Grundierung.

Johann Spermann SJ ist Direktor des Heinrich-Pesch-Hauses in Ludwigshafen. Gemeinsam mit der stellvertretenden Direktorin Ulrike Gentner leitet er das Zentrum für Ignatianische Pädagogik. Tobias Zimmermann SJ ist Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin.

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