Offene Schulkultur und Berliner Neutralitätsgebot

Positionsbestimmung des Canisius-Kollegs im Rahmen der Debatte um das Berliner Neutralitätsgebot für Lehrende aus gegebenem Anlass eines Interviews von P. Tobias Zimmermann SJ mit der Welt vom 10. Dezember 2017.

Um die offene Schulkultur und die Mitglieder der Kollegs-Gemeinschaft in ihrer Würde zu schützen, wird das Canisius-Kolleg die religiöse, kulturelle oder nationale Zugehörigkeit von Angehörigen des Kollegs nicht öffentlich kommentieren oder dazu beitragen, den Einzelfall zu politisieren, sondern lediglich mit Entschiedenheit für eine Bildung eintreten, die den je Anderen als Chance und nicht Bedrohung betrachtet. Hier haben wir Kompetenz und Erfahrung, wie eine aktuelle, repräsentative Studie des Sinusinstituts zum Gelingen der Persönlichkeitsbildung am Canisius-Kolleg und an den Schulen mit einem Profil ignatianischer Pädagogik feststellt, deren Inhalt im Januar vorgestellt werden wird.

„Bei Euch haben wir kritisch denken gelernt“, sagen ehemalige Schüler in der genannten Sinus-Studie. Als christliche Schule betrachten wir es als Chance, einem anderen Menschen als Anderen zu begegnen. Es ist die Chance, zu lernen, sich zu hinterfragen, kurz, am Anderen zu wachsen. Und es gelingt offenbar: Ein überwiegender Teil der befragten Schüler in der repräsentativen Studie gibt an, dass es der Schule gelingt, zu vermitteln, neugierig und offen für die Vielfalt der Menschen, der Kulturen und Religionen zu sein. Es gelingt, weil die Schule bewusst die Vielfalt der Gesellschaft spiegelt und zum pädagogischen Thema eines wertschätzenden Dialogs macht. Denn ein offener, partizipativer und konstruktiver Umgang mit gesellschaftlicher, kultureller und religiöser Vielfalt ist Voraussetzung für das Gelingen guter Bildung.

Vielfalt und Würde

Wo aber diese Vielfalt ausgeblendet wird, steht die Würde von Schülern und Lehrenden auf dem Spiel. Denn zur Würde von Schülern gehört, dass sie in der Schule Persönlichkeiten finden, die offen dafür sind, mit ihnen authentisch und Ergebnisoffen über alle Fragen des Lebens, auch die nach Sinn, Glück, nach den Grenzen der Erkenntnis und nach der Religion zu reflektieren. Wer weltanschauliche Fragen in der Schule ausblendet, verweigert jungen Menschen in zentralen Fragen ihres Lebens Bildung. Zur Würde der Lehrenden und zur Glaubwürdigkeit der demokratischen Bildungseinrichtung Schule gehört, dass Lehrende im Bildungsprozess nicht auf ihre Rolle als Funktionsträger des neutralen Staates und Makler für Wissen und Kompetenzen reduziert werden. Zur Würde der jeweils „Anderen“ schließlich gehört, dass sie nicht auf einen Aspekt ihrer Person reduziert werden, seien es Herkunft, das Kopftuch, andere religiöse Symbole oder das eigene Geschlecht.

Vielfalt ermöglicht gutes Zusammenleben

Die Berliner Lesart des Neutralitätsgebotes greift also zu kurz. Wie kann gute Bildung nicht trotz, sondern gerade durch die Präsenz gesellschaftlicher Vielfalt von Religion und Kultur in der Schule, gelingen? Wie kann die Würde und die Freiheit aller Beteiligten in diesem Spannungsfeld gewahrt werden? Das Canisius-Kolleg als konfessionelle Schule betrachtet es als seinen Beitrag zur Innovation des öffentlichen Schulsystems in Berlin auf dem Feld des Zusammenlebens der Religionen und Weltanschauungen, hier Schritt für Schritt ein Modell gelebter Vielfalt zu entwickeln.

Berlin 4.12.2017, Tobias Zimmermann SJ

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